Das Erfolgs-Gen von Familienunternehmen

16.11.2009
Von Familienunternehmen geht eine Faszination aus: Über Jahre gewachsen und dennoch innovativ geblieben, stehen sie scheinbar im Gegensatz zur Logik der Kapitalmärkte. Ein Gespräch mit dem Psychiater Professor Dr. Fritz B. Simon und ein Interview mit dem Wirtschaftswissenschaftler Professor Dr. Benoît Leleux nähert sich diesem Thema von zwei Seiten.

 

Merck Zentrale mit Pützer-Turm und Glas-Pyramide
© Merck
Pützer-Turm und Glas-Pyramide markieren den Eingang zur Merck Zentrale in Darmstadt  
Nur jedes zehnte Familienunternehmen bleibt auch in der vierten Generation noch im Besitz der Familie. Für Professor Dr. Fritz B. Simon tauchte hinter dieser Beobachtung die schlichte Frage auf: „Warum ist das so?“ Der Psychiater mit dem heutigen Schwerpunkt „Organisationsforschung und -beratung“ an der Universität Witten/Herdecke kam als Therapeut in Kontakt mit Menschen, die ihr Familienunternehmen verkauft hatten und danach in jeweils grundverschiedene Krisen gerieten. Das weckte sein Interesse daran, was denn auf der anderen Seite traditionelle Mehrgenerationen-Unternehmen mit illustren Namen wie Oetker, Haniel und eben auch Merck über weitaus mehr Generationen als nur vier zusammenhält – zwölf sind es bei Merck.

Erst die Enkel können loslassen

 
Die erste Generation sei ganz von der Aufbauarbeit absorbiert, sagt Simon. Die zweite stünde unter Forderungen sowie Erwartungen der ersten, die zugleich oft nur sehr spät loslassen könne. Erst die Enkel seien in ihren Entscheidungen wieder etwas freier. Geht es bis dahin gut, ist das Beständigkeits-Gen oft stark genug für weitere Generationen. Eher aber endet es so, wie in Thomas Manns Nobelpreis-bekröntem Roman „Buddenbrooks“, in dem Enkel Hanno im Familienbuch einen Strich zieht und, vom Vater zur Rechenschaft gezogen, stottert: „Ich glaubte … ich glaubte … es käme nichts mehr …“
Umso spannender, was dann kommt, wenn es weitergeht. „Familie ist eine Ressource für das Unternehmen“, erklärt Professor Simon und ergänzt: „Wie auch das Unternehmen eine Ressource für die Familie ist.“ Diese Wechselbeziehung birgt einerseits Chancen und ist andererseits Ursache für Schwierigkeiten. Ganz sicher zeichnet familiengeführte Unternehmen das Denken in langen Zeiträumen aus. Sie sind nicht an Quartalsberichte gebunden. Familienvermögen, das in einem Unternehmen steckt, ist nicht abstrakt, sondern es hat seinen konkreten Sinn. Der besteht auch darin, verantwortlich damit umzugehen.
Die Probe aufs Exempel bildet der umgekehrte Fall, der Verkauf eines Unternehmens. „Da gehen manchmal langjährige Ehen in die Brüche, weil nun mit Geld Freiheiten gekauft werden können“, hat Fritz B. Simon bei Klienten beobachtet und auch, dass bislang noch beinahe jeder diese Rolle des Geldes überschätzt habe und mancher in eine klinische Depression fiel.

Verantwortungskette zwischen den Generationen

 
Was aber ist es, das Geld in einem Familienunternehmen so andersartig macht? Jon Baumhauer, Vorsitzender des Familienrates der Merck-Familie und selbst Psychologe, gibt darauf eine Antwort: „Die Werte der Familie und die Werte des Unternehmens sind identisch.“ „Respekt“ sei der Kernwert dieser Vorstellungen. Ähnliches hat auch Simon bei seinen Untersuchungen beobachtet: „Immer wieder zeigt sich, dass familiengeführte Unternehmen ihre Hände von ethisch zweifelhaften Geschäften lassen.“
Familienunternehmen agieren wie eine Person, die sich in einer Verantwortungskette zwischen vergangenen und kommenden Generationen fühlt. Dennoch sind sie im überwiegend kapitalgetriebenen Markt absolut konkurrenzfähig (siehe hierzu auch das Interview mit Professor Dr. Benoît Leleux). Aus Sicht des Psychiaters Simon gelingt es ihnen, die verschiedenen „Grundparadoxien“ zwischen Familie und Unternehmen zu lösen. So sei etwa die Kommunikation in Familien personen-, in Unternehmen jedoch sachbezogen. Zudem stelle das ideelle Überleben der Familie „Tradition“ sicher, während es bei einem Unternehmen die „Innovation“ sei.

Der Staat als Familie?

 
„Erfolgreiche Familienunternehmen lösen diese Paradoxien auf produktive Weise innerhalb des Familienverbandes – das kann auch mal Jahrzehnte dauern“, hat Professor Simon beobachtet. Es gibt hierfür kein Erfolgsrezept. Zu unterschiedlich sind die Unternehmen, die Branchen und auch die Familien. Nur eines ist sicher: Der Erfolg wird immer im langfristigen Maßstab gemessen.
Ethik und Nachhaltigkeit – ist dann nicht sogar das familiengeführte Unternehmen die Form der Zukunft? Hier plädiert Professor Simon zunächst für einen erweiterten Familienbegriff, der sich auch auf emotional miteinander verbundene Firmengründer erweitern lässt: „Nehmen Sie die berühmte Garage in Palo Alto, in der William R. Hewlett und David Packard 1939 den Grundstein zu dem legten, was mal das Silicon Valley werden sollte – auch Microsoft, Apple und Google sind ähnlich gestartet.“
Womöglich, und da blickt der Herr Professor weit in die Zukunft, könnten sogar die Bürger eines zukünftigen Staates sich als „Familie“ begreifen, die staatliche Unternehmen nach diesem Modell führten. Eine Idee, die verschiedene Konzepte scharf bündelt. Allerdings auf einen Punkt in der Zukunft, dessen Zeitskala noch nicht sichtbar ist.

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Professor Dr. Fritz B. Simon
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Professor Dr. Fritz B. Simon ist unter anderem Gründungsprofessor am Institut für Familienunternehmen der Privatuniversität Witten-Herdecke  
 
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